Auch wenn Sie im Recht sind, sollten Sie eine Belehrung Ihres Gegenübers vermeiden. Dadurch wahren Sie buchstäblich sein Gesicht. Lautstarke Auseinandersetzungen bringen nichts; das Pochen auf sein gutes Recht noch weniger.

 

Die meisten Japaner mögen keine strittigen Diskussionen. Vor logischer Penetranz kapituliert selbst der japanische Intellektuelle. Der deutsche Drang, ein Thema auszudiskutieren, wirkt in Japan impertinent, rüde oder langweilig.

 

Lassen Sie sich nicht vom wesentlichen Erscheinungsbild täuschen: Japan ist ein orientalisches Land. Der westliche Wertekosmos wurde nur oberflächlich angenommen. Wahrheitsliebe, Mitmenschlichkeit oder Freigiebigkeit finden sich selbstverständlich auch hier, den Fremden gegenüber aber eher als Mittel zum Zweck.

 

Sie werden sich wundern, wie rüpelhaft, egoistisch und kalt die Japaner sein können, die man sonst ausgesuchter Höflichkeit rühmt. Höflichkeit dient dazu, den enormen Druck der Gruppe abzufedern. Erst wenn man als Kunde oder Gast ein Gesicht gewonnen hat und dazu gehört, darf man Umgangsformen erwarten.

 

Es gehört zum guten Tun, andere nicht mit seinen privaten Nöten oder Schicksalsschlägen zu belasten. Müssen Sie über den plötzlichen Tod eines Verwandten berichten, lassen Sie sich keine Trauer anmerken.

 

Regen Sie sich nicht über andere Moralvorstellungen auf, etwa wenn in der U-Bahn Ihr Sitznachbar völlig ungeniert in Pornos blättert. Wer sich gestört fühlt, schaut weg. Dies sollten sich vor allem Deutsche merken.

 

Zwar sind Sie als Ausländer in der rigiden Standesgesellschaft Japans schwer einzuordnen, aber nach Ihrem Geschlecht, Alter und Beruf passen Sie dennoch in ein hierarchisches Grobraster. Im Zweifel demonstrieren Sie Respekt, der umgekehrt auch Ihnen nicht verweigert wird. Zweisprachige Visitenkarten mit Beruf und Firma erleichtern angemessene Einordnung Ihrer Person.

 

Wenn Sie das Land des Lächelns und der Höflichkeit mit ständigem Lächeln und in halber Rumpfbeuge erobern wollen, machen Sie sich lächerlich. Natürlichkeit kommt besser an als eine Kopie einheimischer Umgangsformen.

 

Auch eine angenehme Überraschung verwirrt Japaner, die von spontanen Einfällen wenig halten. Nur wer sich auf eine Situation vorbereiten konnte, wird sich angemessen verhalten können. Ausländer auf dem Ego-Trip bestätigen Japanern nur ihr Klischee, dass westlichen Ländern Disziplin fehlt.

 

Für den Geschäftsmann gilt “Kleider machen Leute” Als Tourist können Sie sich der Jahreszeit entsprechend angemessen salopp kleiden.

 

Geschenke sind außerordentlich beliebt und kommen immer gut an, wenn sie die Rangverhältnisse zwischen Schenkendem und Empfänger respektieren. Geschenke dienen nicht dazu, Ihren guten Geschmack oder Ihre Bildung zu demonstrieren. Als Ausländer sollte man etwas “Typisches” aus dem eigenen Land mitbringen. Achten Sie aber darauf, dass der Wert des Geschenkes nicht zu hoch liegt. In vielen Fällen werden Sie ebenfalls ein Geschenk erhalten und wenn die Werte zu unterschiedlich sind, verwirren Sie ihr Gegenüber.

 

Ganz im Innersten sehen fast alle Japaner in Ihnen den gaijin, einen Menschen anderer Art, wobei die Übergänge zum Barbaren fließend sind. Kritik an Japan verletzt oft ganz persönlich. Umgekehrt gewinnen Sie weder Sympathien noch Verständnis, wenn Sie über Ihr eigenes Land herziehen.